Hallo liebe Leserinnen und Leser und willkommen zurück zu „Auf einen Schnack“ mit unserer lieben Kollegin Levke vom IB Jugendclub in Bad Doberan! Welcome back! Bist du bereit für den zweiten Teil des Interviews?
Aber sowas von!
Wie wir unseren Leser*innen im ersten Part versprochen haben, möchten wir nun in die Tiefe gehen. Fangen wir mit eurem Alltag im Jugendclub an. Du erzähltest uns bereits, dass es bei euch eigentlich keinen „typischen Tag“ gibt. Auch sprachst du von mehreren Angeboten und Projekten, die ihr gemeinsam mit den Jugendclub-Besucher*innen gestaltet und durchgeführt.
Ja, genau. Aktuell haben wir einen Wochenplan, der an jedem Tag ein kleines Highlight neben den gängigen Offenen Treffs vorsieht. Montags haben wir beispielsweise das Mobile Angebot „Let’s Talk“. Damit wollen wir Kindern und Jugendlichen die Chance geben, auch außerhalb des Jugendclubs Beratungsangebote in Anspruch zu nehmen. Dienstags ist unser Kreativ-Nachmittag, da werden wir meistens gemeinsam kreativ, oder versuchen uns an DIYs. Mittwochs haben wir Jugendtreff für alle ab 13 Jahren. Da können die Großen dann ganz für sich sein und beispielsweise Themen besprechen, die noch nichts für jüngere Kinder sind. Donnerstags haben unsere Besucher*innen dann die Möglichkeit unseren Kraftraum im Jugendclub zu nutzen. Dort können sie sich am Boxsack, an einer Dartscheibe oder am Stepper ausprobieren und Energie rauslassen. Und zum Ende der Woche veranstalten wir freitags immer unseren so genannten „Food-Friday“. Da wird dann gemeinsam gekocht, gebacken, zubereitet oder Rezepte zusammengestellt. Außerdem haben wir auch eine öffentliche Grünfläche direkt hinter dem Jugendclub, die zum Fußballspielen und toben einlädt. In den Ferien bieten wir immer gerne Teamspiele, Outdoor-Projekte und Ausflüge an.
Wie wichtig ist es, solche Angebote und Aktivitäten zu schaffen?
Sehr wichtig! Durch solche Angebote entdecken viele unserer Kinder und Jugendlichen ihre eigenen Interessen. Ihre sozialen Kompetenzen werden gefördert und sie lernen, wie Konfliktlösung, Teamfähigkeit und Verantwortungsübernahme aussehen. Wir versuchen die Angebote so niedrigschwellig wie möglich zu halten, damit jede*r dran teilnehmen kann.
Aus deinen Worten entnehmen wir, dass Jugendclubs eine echte Chance für Kinder und Jugendliche sein können.
Ganz genau. Jugendclubs bieten jungen Menschen in erster Linie einen sicheren Raum. Aber sie sind auch Räume zum Ausprobieren, Mitmischen, Fehler machen und Wachsen. Nicht jede*r hat diese Möglichkeiten – auch zu Hause oder in der Schule. Meine Erfahrung ist: Wenn Jugendliche merken, dass sie hier ernst genommen werden, verändert das unglaublich viel und öffnet ganz neue Perspektiven.
Ein sicherer Raum voller Möglichkeiten
Es ist wirklich toll, dass es euch und Jugendclubs generell gibt. Und so wichtig, auch in Hinblick auf Themen wie zum Beispiel Integration und Prävention. Dazu haben wir zwei Fragen. Die Erste: Inwieweit spielt der Jugendclub eine Rolle in der Integration von Jugendlichen mit unterschiedlichen kulturellen oder sozialen Hintergründen?
Bei uns treffen Kinder und Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Hintergründen aufeinander. Im Alltag lernen sie viel voneinander, aber natürlich gibt es hier und da auch kleine Reibungspunkte. Wir achten bei uns im Jugendclub bewusst auf einen wertschätzenden und respektvollen Umgang miteinander und versuchen, das jeder*jedem auch mit auf den Weg zu geben. Alle sollen sich willkommen fühlen.
Absolut. Wie du bereits sagtest: Euer Jugendclub soll ein sicherer Raum voller Möglichkeiten sein. Und die zweite Frage: Welche Rolle spielt der Jugendclub im Kontext der Prävention von Jugendkriminalität oder -radikalisierung?
Prävention ist auch ein Hauptbestandteil unserer Arbeit. Ich glaube, viele riskante Entwicklungen entstehen aus dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Wir versuchen genau da anzusetzen. Als verlässliche Ansprechpartner*innen für Jugendliche bieten wir Gespräche und Orientierung. Ebenso planen wir meistens gemeinsam mit Netzwerkpartnern, Expert*innen und Schule verschiedene Präventionsprojekte und führen diese auch durch.
Wo du es bereits ansprichst: Wie gestaltet sich denn die Zusammenarbeit mit Externen, wie zum Beispiel mit anderen Einrichtungen und Organisationen aus der Region?
Wir stehen im regelmäßigen Austausch mit Schulen, Beratungsstellen, Vereinen oder anderen sozialen Einrichtungen in der Region. Die Zusammenarbeit passiert ganz unterschiedlich: durch gemeinsame Projekte, Fachaustausch, Einzelfallberatungen, Informations- und Materialaustausch. Einige Kolleg*innen aus den ambulanten Hilfen zur Erziehung nutzen unseren Jugendclub zum Beispiel auch gerne, um Zeit mit ihren Klient*innen zu verbringen.
Ihr seid also auch gut vernetzt!
Ich würde sagen, wir sind ein fester Anlaufpunkt für Kinder und Jugendliche in Bad Doberan – unabhängig von Herkunft, Schulform oder Lebenslage. Aber ja, wir sind gut vernetzt: mit Schulen, der Schulsozialarbeit, Beratungsstellen, Vereinen und natürlich der Stadtverwaltung. Diese Zusammenarbeit ist wichtig, weil wir oft früh mitbekommen, wo Handlungs- oder Unterstützungsbedarf besteht. Durch kurze Wege können wir dann gemeinsam Lösungen entwickeln. Darüber hinaus agieren wir auch als eine Art Bindeglied zwischen jugendlicher Lebenswelt und dem professionellen Hilfesystem und können, wenn nötig, entsprechend weitervermitteln, zum Beispiel an Suchtberatungsstellen sowie Erziehungs- und Familienberatungen.
Auch online habt ihr euch ein Netzwerk geschaffen. Ihr seid unter anderem auf Instagram sehr aktiv. Das ist wichtig, um eure Arbeit und den Club zu zeigen, aber sicher auch, um mit den Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu treten, oder? Wie geht ihr mit digitalen Medien und sozialen Netzwerken um? Bietet ihr den Jugendlichen hier auch Unterstützung oder Orientierung?
Ja, Social Media ist für uns inzwischen ein fester Bestandteil unserer Arbeit. Wir nutzen Plattformen wie Instagram oder Facebook, um zu zeigen, was im Club passiert, Angebote zu teilen und einen niedrigschwelligen Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen zu halten. Gleichzeitig ist uns wichtig, dass die Jugendlichen lernen, digitale Medien bewusst und reflektiert zu nutzen. Wir sprechen mit ihnen über Themen wie Datenschutz, Cybermobbing, Fake News oder einen gesunden Umgang mit Social Media. In Projekten oder Workshops können sie selbst Inhalte erstellen und bekommen dabei auch Tipps für kreative, verantwortungsvolle Nutzung.
Medienkompetenzen zu fördern, ist mittlerweile essenziell. Social Media ist ein fester Bestandteil im Leben junger Menschen und es birgt sowohl Freuden als auch Gefahren. Auch ist die Online-Welt so schnelllebig!
Ja, das ist auch ein Trend, den wir bemerken: Die Schnelllebigkeit besagter Online-Welt. Plattformen wie TikTok und Co. sorgen dafür, dass die Aufmerksamkeitsspannen kürzer geworden sind. Jugendliche möchten schnell Ergebnisse. Das bedeutet für uns als Fachkräfte, dass wir Angebote oft kompakter gestalten und flexibel reagieren und gegebenenfalls auch umplanen müssen. Aber wie gesagt: Wir versuchen auf jeden Fall die digitalen Medien in unsere Angebote einzubeziehen.
„Ein Ort, mit dem sich junge Menschen wirklich identifizieren“
Danke für diese spannenden und ehrlichen Worte! Liebe Levke, langsam nähert sich das Ende des Interviews, daher haben wir nun nochmal Fragen vorbereitet, die unsere Leserschaft besonders interessieren. First of all: Welche Projekte oder besonderen Events plant ihr in der nahen Zukunft?
Unser nächstes größeres Projekt ist die Anpflanzung eines Hochbeets bei uns hinter dem Haus, gemeinsam mit der Gartengruppe aus Bad Doberan. Dort wollen wir frische Kräuter, Gemüse und Obst anpflanzen und damit unsere Food-Fridays upgraden. Dann folgen im Sommer wieder ein paar öffentliche Veranstaltungen, bei denen wir auf jeden Fall mit einem Stand in der Stadt präsent sind. Und ich möchte gerne wieder ein Graffiti-Projekt starten. Da stecken wir aber gerade noch in der Planungsphase. Und natürlich sind wir jederzeit offen für Ideen und Wünsche der Kinder und Jugendlichen.
Dann wird die nächste Zeit noch so einiges bei euch passieren! Das ist auch sicherlich eine große Freude, die die Arbeit mit sich bringt, oder?
Ja. Aber für mich persönlich ist natürlich die größte Freude, wenn ich merke, dass mit der Zeit eine Vertrauensbasis zu den Kindern und Jugendlichen entsteht. In einem Jugendclub ist, wie gesagt, alles freiwillig und niemand muss hier sein. Wenn Kinder und Jugendliche trotzdem immer wiederkommen, sich öffnen, persönliche Themen ansprechen oder einfach mal kurz reden wollen, dann ist das für mich ein riesiges Zeichen von Vertrauen.
Das klingt wunderschön. Schauen wir uns die andere Seite der Medaille an: Was sind wiederum die Herausforderungen?
Besonders herausfordernd sind Situationen, in denen es nicht nur um Streit oder Alltagsprobleme geht, sondern um ernsthafte Belastungen. Zum Beispiel, wenn Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung im Raum stehen oder Jugendliche in akuten Krisen sind und sich uns anvertrauen. In solchen Momenten tragen wir eine große Verantwortung. Dann geht es nicht mehr nur um Freizeitgestaltung, sondern um Schutzauftrag, Gefährdungseinschätzung und klare professionelle Schritte. Das kann bedeuten, Gespräche mit Sorgeberechtigten zu führen, das Jugendamt einzubeziehen oder in akuten Situationen auch externe Stellen wie die Polizei miteinzubeziehen. Das sind keine leichten Entscheidungen und man bewegt sich ständig im Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz.
Oh wow. Das ist wirklich eine große Verantwortung, die ihr da tragt und nur einmal mehr beweist, wie wichtig Jugendclubs sind. In diesem Sinne: Wenn du die Möglichkeit hättest, ein paar Dinge zu verändern oder zu verbessern – welche wären das und warum?
Ich würde mir wünschen, dass Jugendsozialarbeit gesellschaftlich noch stärker anerkannt wird und nicht mehr als „Freizeitangebot mit Billardtisch“, sondern als Bildungsarbeit und Chance für Kinder und Jugendliche gesehen wird. Auch wäre es großartig, wenn Jugendliche noch mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten bekommen.
Das ist das typische Klischee, oder?
„Im Jugendclub wird doch nur gechillt“, genau. Und ja, das stimmt, es wird gechillt. Aber das ist nichts Negatives. Jugendliche brauchen Orte ohne Druck und Erwartungen. Und genau in solchen entspannten Situationen können sogar wichtige Gespräche entstehen. Insofern stimmt das Klischee zwar teilweise, aber da steckt einfach viel mehr dahinter.
Da hast du absolut Recht. Liebe Levke, nun haben wir unsere abschließende Frage für dich: Gibt es eine Geschichte, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Abgesehen von unseren teilweise wirklich abenteuerlichen Ferienausflügen, die natürlich immer für besondere Erinnerungen sorgen, ist mir vor allem der lang ersehnte Umzug unseres Jugendclubs im Gedächtnis geblieben. Früher waren wir in einem alten Bürogebäude ganz am äußersten Stadtrand von Bad Doberan untergebracht. Die Lage war schwierig, es gab keine Haltestellen in direkter Nähe und die Räumlichkeiten waren eher funktional als jugendgerecht. Man hat gemerkt: Das ist kein Ort, der wirklich für junge Menschen gedacht wurde. Entsprechend herausfordernd war auch der Zulauf. Gemeinsam mit dem Kinder- und Jugendbeirat der Stadt haben wir uns dann stark gemacht und konnten tatsächlich etwas bewegen. Der Umzug in das jetzige Häuschen war ein riesiger Schritt für uns. Es war nicht nur ein Ortswechsel, sondern ein echter Neuanfang. Besonders schön war es zu erleben, wie die Räume nach und nach Charakter bekommen haben. Durch die Mitbestimmung der Jugendlichen, sei es bei der Gestaltung, bei Ideen zur Nutzung oder bei kleinen und großen Entscheidungen, ist aus einem Gebäude ein echter Treffpunkt geworden. Für mich war das ein ganz besonderer Moment: zu sehen, wie Beteiligung wirkt und wie ein Ort entsteht, mit dem sich junge Menschen wirklich identifizieren.
Das ist nun auch eine Geschichte, die uns in besonderer Erinnerung bleiben wird.
Liebe Levke, vielen lieben Dank, dass du dir die Zeit für uns genommen hast und uns so viele Einblicke in den IB Jugendclub in Bad Doberan und in deine Arbeit als Sozialpädagogin gegeben hast! Wir sind uns sicher, dass unsere Leser*innen so einiges mitnehmen konnten.
Sehr gern, danke auch an euch!
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